Wenn nach Starkregen innerhalb weniger Stunden ganze Ortschaften überflutet werden, richtet sich der Blick meist auf Flüsse, Deiche und Kanäle. Deutlich seltener wird darüber gesprochen, welche Rolle die Landwirtschaft selbst für die Entstehung oder Vermeidung solcher Ereignisse spielt. Dabei entscheidet sich bereits auf den Feldern, ob Regenwasser langsam im Boden versickert oder innerhalb kürzester Zeit oberflächlich abfließt und die Pegelstände in Bächen und Flüssen gefährlich ansteigen lässt.
Mit dem Klimawandel nimmt die Zahl extremer Wetterereignisse zu. Gleichzeitig stehen landwirtschaftliche Betriebe unter dem Druck, hohe Erträge zu erzielen und wirtschaftlich konkurrenzfähig zu bleiben. Daraus ergibt sich eine grundlegende Frage: Sollte die Landwirtschaft der Zukunft nicht nur Lebensmittel produzieren, sondern zugleich als natürliche Infrastruktur für den Hochwasserschutz dienen?
Bodenverdichtung verschärft die Folgen von Starkregen
Über Jahrzehnte hinweg wurden landwirtschaftliche Flächen auf maximale Produktivität ausgerichtet. Größere Maschinen, intensivere Nutzung und der Rückgang von Hecken, Feuchtgebieten und kleinräumigen Landschaftsstrukturen haben vielerorts die Eigenschaften der Böden verändert. Verdichtete Böden verlieren einen Teil ihrer Fähigkeit, Wasser aufzunehmen und über längere Zeit zu speichern.
Fällt innerhalb kurzer Zeit eine große Menge Regen, kann das Wasser nicht mehr ausreichend versickern. Stattdessen fließt es oberflächlich ab, sammelt sich in Senken und erreicht innerhalb weniger Minuten oder Stunden Fließgewässer, die für solche Wassermengen nicht ausgelegt sind. Überschwemmungen entstehen dadurch nicht allein an Flüssen, sondern beginnen bereits auf den Feldern.
Ein gesunder, humusreicher Boden wirkt dagegen wie ein natürlicher Schwamm. Er speichert Wasser, gibt es langsam wieder ab und entlastet damit die gesamte Landschaft. Die Qualität des Bodens wird damit zu einem entscheidenden Faktor für die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels.
Mehr Wasserspeicherung bedeutet nicht automatisch höhere Erträge
Die Vorstellung, dass eine Landwirtschaft mit mehr Hecken, Agroforstsystemen und geringerer Bodenbearbeitung automatisch bessere Ernten erzielt, greift jedoch zu kurz. Zwischen maximaler Produktivität und maximaler Resilienz bestehen Zielkonflikte, die gesellschaftlich neu bewertet werden müssen.
Großflächige Monokulturen und der Einsatz schwerer Maschinen ermöglichen unter günstigen Bedingungen hohe Erträge pro Hektar. Gleichzeitig können sie langfristig die Bodenstruktur beeinträchtigen und die Fähigkeit zur Wasseraufnahme reduzieren. Ökologischere Bewirtschaftungsformen fördern dagegen häufig die Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität, erreichen jedoch nicht immer dieselben Spitzenerträge.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, welche Landwirtschaft in einzelnen Jahren die größten Ernten hervorbringt, sondern welche Produktionssysteme über Jahrzehnte hinweg stabile Erträge unter zunehmend extremen Wetterbedingungen gewährleisten können. Ein geringerer Maximalertrag könnte gesellschaftlich akzeptabel sein, wenn gleichzeitig Hochwasserschäden, Bodenerosion und Ernteausfälle reduziert werden.
Können erneuerbare Energien Flächen für Lebensmittel freisetzen?
Ein weiterer Aspekt betrifft die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für Energiepflanzen. In Deutschland werden große Gebiete für den Anbau von Mais und anderen Kulturen verwendet, die vor allem der Energiegewinnung dienen. Diese Entwicklung war über viele Jahre ein wichtiger Bestandteil der Energiewende, wird jedoch zunehmend kritisch diskutiert.
Photovoltaik- und Windkraftanlagen erzeugen pro Fläche deutlich höhere Energiemengen als klassische Energiepflanzen. Mit dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien könnte sich daher die Frage stellen, ob ein Teil der heutigen Anbauflächen wieder stärker der Lebensmittelproduktion oder ökologischen Ausgleichsmaßnahmen zur Verfügung stehen sollte.
Freigesetzte Flächen könnten genutzt werden, um Hecken anzulegen, Feuchtgebiete wiederherzustellen oder Agroforstsysteme zu etablieren, die sowohl die Wasseraufnahme als auch die Biodiversität verbessern. Die Landwirtschaft würde dadurch widerstandsfähiger gegenüber Extremwetterereignissen, ohne zusätzliche Flächen erschließen zu müssen.
Ernährungssicherheit neu denken
Lange Zeit galt die Maximierung des Ertrags pro Hektar als zentrales Ziel moderner Landwirtschaft. Unter den Bedingungen des Klimawandels könnte jedoch eine andere Perspektive wichtiger werden: die langfristige Sicherung der Lebensmittelversorgung.
Eine Landwirtschaft, die Wasser speichert, Böden schützt und natürliche Kreisläufe stärkt, produziert möglicherweise nicht in jedem Jahr Rekordernten. Sie könnte jedoch wesentlich robuster gegenüber Dürren, Starkregen und anderen Extremereignissen sein. Versorgungssicherheit würde damit nicht allein durch möglichst hohe Produktionszahlen entstehen, sondern durch die Fähigkeit, auch unter schwierigen Bedingungen zuverlässig Lebensmittel bereitzustellen.
Der wirtschaftliche Nutzen einer solchen Entwicklung reicht weit über die Landwirtschaft hinaus. Weniger Hochwasserschäden, geringere Erosion und stabilere Ökosysteme entlasten Kommunen, Versicherungen und Infrastrukturbetreiber gleichermaßen.
Die Landwirtschaft als Teil kritischer Infrastruktur
Vielleicht besteht die größte Herausforderung darin, die Rolle der Landwirtschaft grundsätzlich neu zu definieren. Landwirte erzeugen nicht nur Nahrung, sondern gestalten Landschaften, beeinflussen Wasserkreisläufe und tragen maßgeblich zur Widerstandsfähigkeit ganzer Regionen bei.
In einer Zeit zunehmender Starkregenereignisse könnte die Fähigkeit von Böden, Wasser aufzunehmen und zurückzuhalten, ebenso wichtig werden wie die Menge der produzierten Lebensmittel. Felder wären dann nicht mehr ausschließlich Produktionsflächen, sondern Bestandteil einer natürlichen Infrastruktur, die Städte und Gemeinden vor Überschwemmungen schützt.
Die Landwirtschaft der Zukunft müsste deshalb nicht weniger leistungsfähig sein, sondern andere Prioritäten setzen. Statt allein den maximalen Ertrag anzustreben, könnte sie gleichermaßen Ernährungssicherheit, Bodenschutz und Klimaanpassung in den Mittelpunkt stellen. Gerade darin könnte eine ihrer wichtigsten Aufgaben im 21. Jahrhundert liegen.
